
Autismus-Spektrum-Störung bei Erwachsenen
Viele Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung wissen lange Zeit nicht, dass sie betroffen sind.
Autismus wird häufig noch immer vor allem mit dem Kindesalter in Verbindung gebracht. Entsprechend bleibt die Wahrnehmung für erwachsene Betroffene oft unscharf.
Statt einer Einordnung entsteht häufig ein Gefühl von „Anderssein“, ohne dass klar wird, worin dieses begründet ist.
Im Alltag zeigen sich eher die Seiten, die als schwierig erlebt werden:
Überforderung in sozialen Situationen, hohe Reizempfindlichkeit, Schwierigkeiten in der Selbstregulation oder das Gefühl, dauerhaft mehr Energie aufwenden zu müssen als andere.
Gleichzeitig bleiben die eigenen Fähigkeiten oft unklar oder werden nicht als solche erkannt.
Erwachsene im Autismus-Spektrum
Viele nicht diagnostizierte Erwachsene haben im Laufe ihres Lebens Strategien entwickelt, um mit ihren Besonderheiten umzugehen.
Diese Strategien ermöglichen Anpassung, führen aber häufig auch zu anhaltender Anspannung oder Erschöpfung.
Nicht selten stehen am Ende dieser Entwicklung Zustände wie Burnout, depressive Episoden oder ein dauerhaft reduziertes Selbstwertgefühl.
Ein zusätzlicher Aspekt ist, dass sich Merkmale aus unterschiedlichen Bereichen überlappen können.
Neben autistischen Besonderheiten zeigen sich bei vielen Menschen auch Ausprägungen, die unter dem Begriff Neurodivergenz zusammengefasst werden, etwa im Bereich Aufmerksamkeit, Wahrnehmung oder Verarbeitung.
Ein anderer Blick
Die Beschreibung von Autismus konzentriert sich häufig auf Defizite.
In der therapeutischen Arbeit zeigt sich jedoch, dass diese Perspektive zu kurz greift.
Neben den belastenden Aspekten gibt es auch spezifische Fähigkeiten und besondere Formen der Wahrnehmung und Verarbeitung. Diese werden im Alltag oft nicht erkannt oder nicht genutzt.
Ein wesentlicher Schritt besteht daher darin, die eigene Funktionsweise besser zu verstehen:
Wie nimmst du wahr? Wie verarbeitest du Informationen? Was überfordert dich – und was entspricht dir?
Die therapeutische Arbeit
Die Arbeit beginnt mit einer differenzierten Betrachtung deiner individuellen Situation.
Ziel ist es, Zusammenhänge zu erkennen:
zwischen Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Verhalten und Erleben.
Dabei geht es in zwei Richtungen:
Zum einen können belastende Bereiche genauer eingeordnet und gezielt unterstützt werden.
Zum anderen werden vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen sichtbar gemacht und nutzbar.
Auf dieser Grundlage lassen sich konkrete Strategien entwickeln, um Überforderung zu reduzieren, Selbstregulation zu verbessern und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.
Methodisch fließen verhaltenstherapeutische Ansätze, hypnosystemische Elemente, Achtsamkeit sowie körperorientierte Verfahren in die Arbeit ein.
Ein wichtiger Bestandteil ist auch das Verstehen sozialer Prozesse, zum Beispiel über das sogenannte Mentalisieren – also die Fähigkeit, eigene und fremde innere Zustände besser einzuordnen.
Diagnostik
In meiner Praxis erfolgt die Einschätzung als Verdachtsdiagnose auf Grundlage der beschriebenen Symptome und Muster aus der Lebensgeschichte.
Eine umfassende diagnostische Abklärung kann zusätzlich in spezialisierten Einrichtungen erfolgen, ist jedoch mit langen Wartezeiten verbunden.
Unabhängig davon zeigt die Erfahrung, dass das Verständnis der eigenen Funktionsweise häufig bereits einen entscheidenden Schritt darstellt – auch ohne formale Diagnose.
Einordnung
Aktuelle Entwicklungen in der Forschung weisen darauf hin, dass sich Merkmale innerhalb des Neurodivergenz-Spektrums überschneiden können.
Das bedeutet, dass klare Abgrenzungen zwischen einzelnen Diagnosen nicht immer möglich sind.
In der therapeutischen Arbeit steht daher weniger die exakte Zuordnung im Vordergrund, sondern das Verständnis der individuellen Ausprägung.
HIER findest du eine Dokumentation von 3Sat über die Neurodiversität (bzw. Neurodivergenz)